Redebeitrag vom 22.08.

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Tara
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Registriert: Di 14. Apr 2020, 23:39

Redebeitrag vom 22.08.

Beitrag von Tara »

In den letzten Tagen mehrten sich Berichte über Maskenpflicht im Unterricht. Dieser Umstand sowie von Gesundheitsämtern mehr als unglücklich formulierte Isolationsanweisungen für die Eltern von in Quarantäne geschickten Kindern brachte viele Eltern auf den Plan. Diese Eltern organisieren sich in Gruppen wie „Eltern stehen auf“ und ähnlichen Bündnissen.

Was bringt diese Eltern so auf die Palme? Was kritisieren sie? Sie sorgen sich um die Entwicklung ihrer Kinder, die sie beispielsweise durch die Maskenpflicht, die Abstandsgebote oder Isolationsanweisungen gefährdet sehen. Sie sehen ihre Kinder und sich durch die Verordnungen und Hygienepläne genötigt und diskriminiert.

Der Website entnahm ich Folgendes:
„Eltern stehen auf“ treten ein für:
Freiheit, Recht und Selbstbestimmung der Kinder, Eltern, Familien und Menschen

Die Ziele dieser Bürgerinitiative sind:
#Maskenfrei
#Abstandsfrei
#Freie Impfentscheidung

Was ist mit diesen Zielen gesagt? Dazu einige Gedanken:

Eine der ersten Maßnahmen der Regierung war die Schließung der Schulen Mitte März. Millionen von Eltern wurde schmerzlich bewusst, dass die Schule nicht nur der Bildung dient, sondern auch – wie oft die KiTas – der Aufbewahrung der Kinder für die Zeiten, in denen sich mindestens ein Elternteil um die Sicherung der Existenz kümmern musste, gemeinhin Arbeit genannt.

Die Corona-Krise ist die große Chance, zu erkennen, was Schulen sind: Es sind Anstalten, in denen auch eine Selektion vorgenommen wird, eine Selektion, die den weiteren Lebensweg bestimmt und die die Kinder darauf vorbereitet, sich für den Profit weniger verdingen zu müssen. Sie werden an etwas gewöhnt wie einzuhaltende Zeitvorgaben und mehr.

Es wird einer „neuen Normalität“ das Wort geredet und viele wollen sie nicht. Es gibt jedoch auch viele, die die „alte Normalität“ gar nicht mehr zurückwollen. Auf einer unserer Kundgebungen sagte eine Mutter, während des Lockdowns sei ihr klar geworden, dass sie und ihr Mann in einer Weise eingebunden seien, die sie auf keinen Fall zurückhaben wolle, denn das sei nicht das, was sie unter einem guten Leben verstehe. In der alten Normalität sind die abhängig Beschäftigten gezwungen, ihre Gesundheit mehr oder weniger stark zu verbrauchen, um das Geld zu verdienen, das sie brauchen, um Miete und Nahrung sowie andere lebensnotwendige Dinge zu erwerben. Und die meisten stellen fest, dass ihr Arbeitseinsatz nicht ausreicht, um die nötigen Rücklagen zu bilden, die eine Unterbrechung der Tätigkeit nicht zu einem existentiellen Risiko werden lassen.

Soll die Freiheit und die Selbstbestimmung, für die Initiativen wie „Eltern stehen auf“ eintreten, wirklich nur darin bestehen, Maskenfreiheit, Abstandsfreiheit und eine freie Impfentscheidung zu fordern?

Ist es das Ziel dieser Eltern, ihren Kindern nichts Besseres zu wünschen als ein Leben, wie sie es bisher führen? Ein Leben, in dem die Gesundheit und mehr bis hin zur Invalidität verbraucht und vernutzt werden, um so wenig Geld zu verdienen, dass man gerade über die Runden kommt? Wären viele nicht zum Gelderwerb gezwungen, sie würden viele Tätigkeiten, die sie ausführen müssen, freiwillig nicht mit der Kneifzange anfassen.

Soll die Selbstauskunft von „Eltern stehen auf“ und anderen Initiativen also lauten: Wir sind frei und nicht diskriminiert, wenn nur unsere drei gesetzten Ziele erreicht sind? Das wäre eine bemerkenswerte Selbstauskunft. Sie würde bedeuten, dass man völlig zufrieden damit wäre, wenn der Schulbetrieb wie „vor Corona“ liefe und man selbst wieder ins Hamsterrad des Erwerbslebens eintreten könne, ohne befürchten zu müssen, täglich mit dem Spiel „Schullotto“ konfrontiert zu sein.

Weshalb habe ich mir dieses Beispiel herausgepickt? Weil sich hier etwas besonders gut zeigt, was man auch in anderen Bereichen beobachten kann. Zumindest mir geht es so, dass ich oft den Kopf schüttele oder mir die Worte angesichts bestimmter Maßnahmen und Verordnungen fehlen. Mir kommt es vor, als sei so ziemlich alles von den Füßen auf den Kopf gestellt oder die Welt sei völlig verrückt geworden. Sehe ich aber genauer hin und führe mir vor Augen, wie es vor Corona war, dann kann ich wie die bereits erwähnte Mutter feststellen, dass es auch zuvor schon ziemlich verrückt zuging. Auch da waren die Schulen und anderes ja nicht gerade ein Hort der Freiheit und die Arbeitsbedingungen erst recht nicht. Corona ist wie eine Lupe, ein Brennglas, das uns die Chance gibt, sehr deutlich zu sehen, was auch schon zuvor unverhältnismäßig war.

Corona ist auch die große Chance, ganz deutlich zu sehen, was das Leben in unserem Land an Zumutungen für jeden einzelnen mit sich bringt. Wer mag, kann sich jetzt selbst Rechenschaft darüber ablegen, ob es ihr oder ihm „vor Corona“ denn wirklich so gut ging oder ob er sich nicht in all den Zumutungen einigermaßen eingerichtet hat.

Ich bin mir sicher, so gut wie jeder kennt diese Zumutungen, erkennt sie aber nicht immer als das, was sie sind. Dazu ein sehr alltägliches Beispiel, dass für Eltern wie auch Kinder gleichermaßen zutrifft:

„Am Wochenende können wir mal richtig ausschlafen. Im Urlaub können wir uns mal richtig erholen.“

Was ist diesen Sätzen als Selbstauskunft zu entnehmen? Da wird gesagt, dass man unter der Woche als Schüler oder Arbeitnehmer eben nicht richtig ausschlafen kann und dass nicht einmal die Wochenenden ausreichen, um sich nach der Arbeit oder dem Schulbesuch zu entspannen. Dass man eben nicht ausgeschlafen zur Arbeit oder in die Schule geht, zeigt sich auch darin, dass man sich ein Folterinstrument namens Wecker stellt. Sich diesem aufgezwungenen Rhythmus zu unterwerfen ist etwas, worauf nicht wenige stolz sind. Manch ein Zeitgenosse brüstet sich damit, er habe noch nie verschlafen. Wie verdreht ist das denn?

An dieser Stelle wollte ich ursprünglich mit salbungsvollen Worten schließen. Es ist mir nicht gelungen, entsprechende Sätze zu drechseln.

Was ich jedoch abschließend aus eigener Erfahrung sagen kann: Genau zu wissen, woher man kommt, wo genau man steht und sehr genau zu wissen, was man zur Absicherung seiner Existenz an Zumutungen in Kauf zu nehmen bereit ist oder wie bescheiden man bisher eh schon gelebt hat, hat mir viele diffuse Ängste genommen, etwa die Angst vor Hartz IV. Und das Beste: Dadurch wurde ich viel durchsetzungsfähiger.

Um zu meinem Eingangsbeispiel zurückzukommen: Liebe Eltern: Seid nicht so bescheiden und fordert für euch und eure Kinder ruhig und entschieden mehr als Maskenfreiheit, Abstandsfreiheit und eine freie Impfentscheidung. Man hat euch und eure Kinder sehr gefordert, euch sehr viel zugemutet mit den Schulschließungen, der Maskenpflicht und ähnlichem. Auch ihr dürft mehr als sehr bescheidene Forderungen stellen. Wie wäre es damit, eine Schule einzufordern, in der Kinder etwas über ihre Grundrechte erfahren und nicht an Zumutungen gewöhnt werden, sondern lernen, Zumutungen wahrzunehmen, zu benennen und zurückzuweisen?

Ich danke Euch fürs Zuhören! Und habt ein schönes Wochenende.
Wir freuen uns über Unterstützung! paypal.me/nichtohneunskassel

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